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Vogel des Jahres 2020


Die Turteltaube ist Vogel des Jahres 2020

Sie ist ein Symbol für die Liebe, ihre Lebensbedingungen sind aber wenig romantisch: Die Turteltaube.
Gemeinsam mit seinem bayerischen Partner LBV (Landesbund für Vogelschutz) hat der NABU die Turteltaube zum Vogel des Jahres 2020 gewählt.
Die Aufmerksamkeit muss dringend auf die Turteltaube gelenkt werden, denn sie ist stark gefährdet. Seit 1980 haben wir fast 90 Prozent dieser Art verloren, ganze Landstriche sind turteltaubenfrei. Unsere kleinste Taube findet kaum noch geeignete Lebensräume. Zudem ist sie durch die legale und illegale Jagd im Mittelmeerraum bedroht.

Die 25 bis 28 Zentimeter großen Vögel mit ihrem farbenfrohen Gefieder ernähren sich fast ausschließlich vegan. Sie bevorzugen Wildkräuter- und Baumsamen. Dem Jahresvogel schmecken Samen von Klee, Vogelwicke, Erdrauch und Leimkraut. Diese Pflanzen wollen Landwirte nicht auf ihren Feldern haben. Darum hat sich die Taube seit den 60er Jahren angepasst und ihre Nahrung umgestellt. Der Anteil von Sämereien aus landwirtschaftlichen Kulturen macht nun in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets mehr als die Hälfte der Nahrung aus statt wie früher nur 20 Prozent. Im Gegensatz zu Wildkrautsamen stehen diese aber nur für kurze Zeit bis zur Ernte zur Verfügung und fehlen während der kritischen Phase der Jungenaufzucht.

Die Intensivierung der Landwirtschaft verschlechtert die Lebensbedingungen der Turteltauben enorm – ein Schicksal, das sie mit vielen anderen Jahresvögeln teilt. Die Ausweitung von Anbauflächen geht mit einem Verlust von Brachen, Ackersäumen, Feldgehölzen und Kleingewässern einher. Damit verschwinden Nistplätze sowie Nahrungs- und Trinkstellen. Viele Äcker werden außerdem mit Herbiziden von „Unkraut“ befreit. Doch von genau diesen Ackerwildkräutern ernährt sich die Turteltaube. Außerdem ist chemisch behandeltes Saatgut vergiftete Nahrung für die Tauben. Der NABU kämpft seit Jahren für eine EU-Förderung der Landwirtschaft, die Natur erhält statt sie zu schädigen.


Foto: Rosl Rößner

 

Bestand:

Bis vor wenigen Jahrzehnten konnten die Turteltauben aus den landschaftsverändernden Aktivitäten des Menschen Nutzen ziehen, denn die traditionell bewirtschaftete, abwechslungsreiche Kulturlandschaft bot ihnen optimale Lebensräume. In der jüngeren Vergangenheit hat sich das Blatt aber zu ihren Ungunsten gewendet. Um eine intensive, mechanisierte Bewirtschaftung der Agrarflächen zu ermöglichen, wurden auf breiter Front die Hecken, Feldgehölze und kleinen Waldungen zwischen den Feldern und Äckern ausgeräumt und dadurch die bevorzugten Nistplätze der Turteltauben entfernt. Ausserdem wurde die Ackerbegleitflora, welche vor allem im Frühling und Frühsommer - während der Jungenaufzucht - die Hauptnahrungsquelle der Turteltauben darstellt, durch den Einsatz immer wirksamerer Agrochemikalien stark zurückgedrängt.

Gleichzeitig führte die Jagd auf die Turteltauben entlang der Zugrouten und im Winterquartier aufgrund der allgemeinen Verfügbarkeit zielgenauer Schusswaffen zu immer grösseren Bestandseinbussen. In den 1980er Jahren wurden beispielsweise auf Malta alljährlich über 100 000 ziehende Turteltauben abgeschossen. Und den Vogeljägern in Senegal fielen damals Jahr für Jahr Zehntausende überwinternder Turteltauben zum Opfer. Nicht zuletzt hatte auch die fortschreitende Abholzung der Akaziengehölze zwecks Gewinnung von Brennholz im Bereich der Sahel- und Sudanzone nachteilige Auswirkungen auf die kleinen Tauben.

Gemeinsam haben diese Schadfaktoren zu einem markanten Rückgang der Turteltaubenbestände vor allem in West- und Zentraleuropa geführt. Für die Britischen Inseln und für Frankreich ist beispielsweise bekannt, dass die Brutbestände zwischen 1970 und 1990 um mehr als die Hälfte schwanden. Noch ist der Gesamtbestand der Turteltaube mit über zwei Millionen Brutpaaren gross. Die Art gilt deshalb (noch) nicht als «gefährdet», sondern bloss als «rückläufig». Sollte jedoch der Rückgang der Turteltaubenpopulation anhalten und sollte er insbesondere auch die osteuropäischen und westasiatischen Bestände stärker erfassen, so wären zur Erhaltung der hübschen Taubenart verschiedene - leider nur schwer umsetzbare - Massnahmen in Erwägung zu ziehen. Zu nennen sind der Schutz bestehender und die Pflanzung neuer Hecken in den Kulturlandschaften Europas, der Schutz der verbleibenden Akaziengehölze in den Savannengebieten südlich der Sahara, die Verminderung des Einsatzes von Agrochemikalien in Europa, das Verbot der Vogeljagd während der Zugzeiten in den Mittelmeerländern und die Einschränkung der Vogeljagd in Senegal und anderen Bereichen des afrikanischen Winterquartiers. Davon würden selbstverständlich zahlreiche weitere Vogelarten entscheidend profitieren.

 

Verbreitungsgebiet / Lebensraum:

Das Brutgebiet der Turteltaube erstreckt sich über die wärmeren Zonen Europas sowie über Westasien und Nordafrika. Als Lebensraum bevorzugt die zierliche Taube sonnig warme, verhältnismässig trockene und windgeschützte Tiefländer, welche ein abwechslungsreiches Nebeneinander von Gehölzen und freien Flächen aufweisen. Im Inneren ausgedehnter Waldgebiete hält sie sich kaum je auf, hingegen bewohnt sie vielfach deren Ränder. Auch in Feldgehölzen, Obstgärten, Parkanlagen und Uferwäldern ist sie häufig anzutreffen, besonders wenn Grasländer sowie Getreide- und andere Felder an diese angrenzen, denn solche gehören zu ihren bevorzugten Nahrungsplätzen.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass sich die Turteltaube in der vom Menschen geprägten Kulturlandschaft sehr wohl fühlt - so lange dieselbe extensiv bewirtschaftet wird, das heisst die Felder kleinflächig und von zahlreichen Gehölzen gesäumt sind. Interessanterweise duldet sie jedoch die unmittelbare Nähe des Menschen weit weniger, als dies andere europäische Tauben wie die Türkentaube (Streptopelia decaocto) und die Ringeltaube (Columba palumbus) tun: Sie brütet weder im Umfeld von Dörfern und Städten noch in der Nähe von Bauernhöfen.

Nördlich der Sahara hält sich die Turteltaube nur während des Sommerhalbjahrs, also zur Brutzeit, auf. Ab August versammeln sich die Vögel zu grösseren Verbänden und ziehen dann schwarmweise zu ihren südlich der Sahara gelegenen Winterquartieren. Die europäischen Turteltauben umfliegen dabei im Unterschied zu vielen anderen Zugvögeln das Mittelmeer nicht, sondern überqueren es als kraftvolle Flieger an einer Vielzahl von Stellen. Auch die Sahara «umschiffen» sie nicht, sondern ziehen unbekümmert über sie hinweg.

Die Winterquartiere der Turteltauben befinden sich in der Sahel- und der Sudan-Zone, also jenem von Savannen geprägten Landschaftsgürtel, der sich südlich der Sahara - zwischen der Trockenwüste im Norden und den Regenwaldgebieten Guineas und des Kongobeckens im Süden - quer durch den afrikanischen Kontinent zieht. Im Osten dieses Gürtels verbringen vor allem jene Turteltauben den Winter, welche ihre Brutgebiete in Westasien und Südosteuropa haben, während die in Mittel- und Westeuropa brütenden Vögel mehrheitlich im Westen des Gürtels (vor allem in Senegal und Mali) überwintern.

 

Nahrung:

Im Winterquartier können die Turteltauben gebietsweise riesenhafte Schwärme bilden. Rund 450 000 Individuen wurden in den 1970er Jahren an einem einzigen Schlafplatz, einem Akaziengehölz, in Senegal verzeichnet. Tagsüber besuchen die anmutigen Tauben dann schwarmweise vor allem frisch abgeerntete Reis-, Hirse-, Mais- und andere Felder, um die liegen gebliebenen Körner aufzupicken.

Nicht nur im Winter-, sondern auch im Sommerquartier bilden Sämereien die Hauptspeise der Turteltauben, wobei aber im Brutgebiet, jahreszeitlich bedingt, weniger die Kulturpflanzen als vielmehr die vielgestaltigen Wildpflanzen, welche unter dem Begriff «Ackerbegleitflora» zusammengefasst werden - darunter Erdrauch (Fumaria), Flockenblume (Centaurea) , Miere (Stellaria) , Wegerich (Plantago) und Gänsefuss (Chenopodium) -, von Bedeutung sind. Hin und wieder nehmen die Vögel als Beikost auch tierliche Bissen in Form von Insekten, kleinen Schnecken oder Erdwürmern zu sich.

 

Fortpflanzung:

Die meisten Turteltauben verlassen ihr Winterquartier zwischen Mitte März und Mitte April, und sie erreichen ihr Brutgebiet gewöhnlich im Laufe des Mais. Die Männchen treffen in der Regel ein paar Tage früher an den Brutplätzen ein als die Weibchen. Dort besetzen sie sogleich ein günstiges Territorium und geben in der Folge ihre Anwesenheit durch die typischen «turr-turr-trurr-turrturr-...»-Rufe kund, denen die Art ihren Namen verdankt. Typischerweise rufen sie vor allem am frühen Morgen, über Mittag und gegen Abend, und gewöhnlich tun sie es von einer im Strauchwerk versteckten Stelle aus.

Von Zeit zu Zeit unterbrechen die Männchen ihre monotonen Rufserien, um einen Schauflug zu zeigen: Sie fliegen unvermittelt aus ihrem Versteck hervor und steigen zunächst zwanzig bis dreissig Meter steil in die Höhe, wobei ihre Flügel unterhalb des Körpers laut zusammenklatschen. Danach breiten sie ihre Flügel aus und fächern ihre Schwanzfedern auf, um so, in eleganter Haltung, in einem weiten Kreisbogen zum Ausgangspunkt zurückzugleiten. Nach einer oder zwei dieser Flugvorführungen beginnen sie dann wieder mit Rufen.

Mit dem akustisch und optisch auffälligen Verhalten innerhalb ihres Territoriums bezwecken die Männchen zweierlei: Zum einen geben sie gegenüber sämtlichen Rivalen ihren Anspruch auf das betreffende Stück Land kund, und zum anderen versuchen sie, paarungswillige Weibchen zu sich zu locken. Lässt sich ein Weibchen von der «Fitness» eines Männchens - die es anhand seiner Ausdauer bei der territorialen Kundgebung sowie seiner athletischen Flugschau und seines makellosen Gefieders zu erkennen vermag - überzeugen und gesellt es sich zu ihm, so wirbt das Männchen sogleich mit dem kennzeichnenden Verbeugungsgurren um seine Gunst. Bei diesem so genannten «Rucksen» sträubt das Männchen sein Schmuckgefieder am Hals, stolziert vor dem Weibchen einher, richtet sich immer wieder hoch auf und verbeugt sich anschliessend tief - und gurrt dabei unablässig.

Vermag das Männchen dergestalt das Weibchen zum Bleiben zu bewegen, so finden alsbald die Begattungen statt. Dann führt das Männchen das Weibchen zu möglichen Nistplätzen innerhalb seines Territoriums, und das Weibchen wählt den günstigsten Ort aus. Gewöhnlich befindet sich der Nistplatz weniger als drei Meter über dem Boden und meistens in dichtem, dornenreichem Strauchwerk. In Mitteleuropa beispielsweise legen viele Turteltauben ihre Nester in Weissdorn (Crataegus monogyna) an.

In der Folge verbringt das Turteltaubenpaar viel Zeit am Nistplatz mit «turteln»: Die beiden Partner sitzen eng beisammen, widmen sich der gegenseitigen Gefiederpflege, schnäbeln ausgiebig und gurren dabei leise. Von Zeit zu Zeit fliegt das Männchen fort, um Nestmaterial - zumeist am Boden liegende Zweige - zu sammeln, und das Weibchen verbaut dieses anschliessend zu einer lockeren, wenig kunstvollen Schüssel, welche später noch mit feinerem Material wie Grashalmen, Würzelchen und Blättern ausgekleidet wird. Der Nestbau nimmt gewöhnlich etwa eine Woche in Anspruch.

Sobald der Nestbau geschafft ist, legt das Turteltaubenweibchen im Abstand von zwei Tagen zwei (ausnahmsweise ein oder drei) Eier. Mit dem Brüten beginnen die beiden Partner, sobald das Gelege vollständig ist. Männchen und Weibchen wechseln sich dabei ab - wenn auch nicht ganz partnerschaftlich: Das Männchen setzt sich gewöhnlich nur von etwa 9 bis 15 Uhr auf das Gelege.

Die Jungen schlüpfen nach zwei Wochen gleichzeitig aus den Eiern. Wie alle Taubenkinder werden sie mit einem quarkartigen Brei gefüttert, welcher von Drüsen im Kropf der Altvögel abgesondert wird. Während ihrer ersten ungefähr fünf Lebenstage besteht ihre Kost ausschliesslich aus dieser «Kropfmilch». Ab dem sechsten Tag erhalten sie zusätzlich feste, teils im Kropf vorgequollene Nahrung, und schon ab dem neunten oder zehnten Tag unterscheidet sich ihre Kost in nichts mehr von derjenigen ihrer Eltern.

Während ihrer ersten Lebenswoche werden die jungen Turteltauben ständig von jeweils einem der beiden Altvögel gehudert, denn in dieser Lebensphase ist ihr haarartiges Daunenkleid noch zu dünn, um sie vor der Auskühlung zu bewahren. Nach einer Woche vermögen die Nestlinge ihre Körpertemperatur tagsüber ohne Unterstützung der Eltern aufrecht zu erhalten. Von da an werden sie - ausser bei nasskaltem Wetter - nur noch nachts gehudert. Schon im Alter von drei Wochen ist das Federkleid der Jungtauben so weit ausgebildet, dass sie ihren ersten Flug unternehmen können. Sie verlassen umgehend das Nest, folgen ihren Eltern zu den Futterplätzen und suchen dort selbstständig nach Nahrung. Noch rund eine Woche lang werden sie von ihren Eltern begleitet und bei Bedarf zugefüttert. Danach - im Alter von vier Wochen - gehen sie bereits ihre eigenen Wege.

Insgesamt ist das Brutgeschäft bei den Turteltauben also eine überaus kurze Angelegenheit: Vom Ablegen der Eier bis zur Unabhängigkeit der Jungtiere vergehen lediglich sechs Wochen. Es ist deshalb nicht überraschend, dass die Turteltauben-Brutpaare praktisch in jeder Brutsaison eine Zweitbrut durchführen. Dies trägt wesentlich dazu bei, die Nachzuchtrate auf das bestandserhaltende Mass anzuheben. Denn zum einen ist die Zahl der Eier je Gelege verhältnismässig gering; zum anderen gehen verhältnismässig viele Eier und Nestlinge durch Nesträuber und bei Schlechtwetterperioden verloren.

(Quelle: tierlexikon.ch)

 


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